102 Jahre und immer noch unterwegs: Rosemarie Schumann ist Wermelskirchens drittälteste Bürgerin

Erstellt von Kathrin Kellermann |

Sie ist die drittälteste Wermelskirchenerin – und bei schönem Wetter locken die Sonnenstrahlen Rosemarie Schumann immer noch zu einem kleinen Spaziergang an der Dhünner Straße entlang. Mittlerweile hat sie dann ihren Rollator dabei, für den sie mit 100 Jahren einen „Führerschein“ gemacht hat, um richtig zu bremsen oder zu parken. Jetzt feierte Rosemarie Schumann ihren 102. Geburtstag in der Wohngemeinschaft „Max“ in Wermelskirchen mit Tochter Doris, Schwiegersohn Heinz Dirkling und Bürgermeister Bernd Hibst. Dabei blickte zurück auf ein Leben voller Umbrüche, Mut und Engagement. Und erinnert mit ihrer Geschichte daran, was es heißt, nie aufzugeben.

Geboren wurde sie am 9. Juni 1924 in Halle an der Saale, bevor die Familie nach Apolda (Thüringen) zog. Als Älteste von vier Geschwistern lernte sie schon als kleines Kind, Verantwortung zu übernehmen und sich zu kümmern. Schon als Kind erzählte sie ihren Geschwistern fantasievolle Geschichten, obwohl sie noch nicht lesen konnte.Das Radfahren brachte sie sich selbst bei. Weil nur ein altes Herrenrad zur Verfügung stand, wurde Rosemarie erfinderisch: „Man muss es nur schräg halten, damit ein Bein unter der Stange an die andere Pedale zu kommen“, erinnert sie sich. Der Vater war so stolz, dass er seiner Ältesten ein eigenes Rad kaufte, um mit ihr gemeinsam Radtouren zu unternehmen.  

Weil sie an der Mädchenschule kein Abitur machen konnte, wechselte sie als 13-Jährige auf eine Jungenschule. Und erzählte ihren Eltern nach dem ersten Schultag, dass ihr Sitznachbar Roland auch am 9. Juni Geburtstag hat. Er war allerdings ein Jahr älter – und wurde 1950 ihr Ehemann. Nach der jahrelangen Kriegsgefangenschaft in Russland, von der er sich erst erholen musste. 

Während Rosemarie auf ihren Liebsten wartete, absolvierte sie 1942 nach dem Abitur zunächst Arbeitsdienst im Elsass und Süddeutschland. Nach einem Jahr begann sie ihr Studium der Biologie und Chemie in Jena, dass sie nach Kriegsende nicht fortführen konnte. Stattdessen begann sie eine Apothekerlehre – und verteidigte bis ins hohe Alter ihren Platz im Notdienst. „Man muss einfach weitermachen“, sagt sie. 

Dieses Motto hat ihr Leben geprägt: Nach der Geburt der beiden Töchter Doris und Gudrun flüchtete die Familie 1956 nach Nordrhein-Westfalen. Erste Möbel in der kleinen Wohnung in Essen waren Apfelsinenkisten. Wichtiger war der Zusammenhalt: Jedes Jahr unternahm die Familie in Deutschland eine Urlaubsreise in Feld, Wald und Flur. Auf Streuobstwiesen wurde das Fallobst gesammelt, aus dem Rosemarie Schumann köstliche Ostkuchen zauberte. 

Stillstehen gab es für sie nicht: Mit 47 Jahren machte sie gemeinsam mit ihrer ältesten Tochter den Führerschein. Damit sie von Essen zu den Enkelkindern nach Pohlhausen fahren und sie verwöhnen konnte. Einmal in der Woche kam sie nach Wermelskirchen, um leckeres Essen zu kochen und Käsekuchen zu backen. Außerdem ging sie viel mit den Enkelkindern in die Natur, um ihnen Blumen und Sträucher zu zeigen. Tradition und Highlight zu Weihnachten war das mit Naschereien verzierte „Hexenhaus“, das bis heute jedes Jahr von den vier Enkeln und fünf Ur-Enkeln gebastelt und vernascht wird. 

Besonders bewegend ist ihre Geschichte mit drei irakischen Jungen aus der Nachbarschaft in Essen. Weil deren Mutter kaum Deutsch sprach, nahm Rosemarie Schumann sie unter ihre Fittiche: von der Grundschule an, mit Hausaufgaben, Nachhilfe in Deutsch, Mathe, Englisch – bis zum Abitur. Mit über 90 Jahren ging sie noch zum Elternsprechtag, um nach ihrem Lernfortschritt zu fragen. Heute sind die drei Jungs erwachsen: einer ist Arzt, einer Sicherheitsingenieur und der jüngste von ihnen machte gerade seine Ausbildung bei der Stadt Essen. Neulich waren sie zu Besuch bei Rosemarie Schumann in Wermelskirchen, die heute sagt: „Sie haben es geschafft. Ich bin stolz.“ 

Erst mit 100 Jahren hat sie ihre Wohnung in Essen aufgeben, um in die Senioren-Wohngemeinschaft in Wermelskirchen zu ziehen. Das Kurzzeitgedächtnis mache manchmal Probleme. Aber Kreuzworträtsel oder Mensch-Ärgere-Dich-Nicht und vor allem Skat, wenn sie gute Karten hat, geht noch prima, verrät sie.  Ihr Leitmotiv ist: „Einfach alleine machen, was (noch) geht!“ Für ihre Familie, ihre Nachbarn und ihre „Ersatz-Enkel“ ist sie deshalb ein Vorbild. Nicht nur für ihr Alter, sondern für ihren unerschütterlichen Lebenswillen. 

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Rosemarie Schumann feierte gerade ihren 102. Geburtstag! Sie ist die drittälteste Wermelskirchenerin. Acht Bürgerinnen der Stadt sind in diesem Jahr 100 Jahre alt und noch älter. Foto: Stadt Wermelskirchen / Kathrin Kellermann
Bürgermeister Bernd Hibst überbrachte Rosemarie Schumann persönlich die Glückwünsche zu dem besonderen Geburtstag. Auch Tochter Doris und Schwiegersohn Heinz Dirkling feierten mit. Fotos: Stadt Wermelskirchen / Kathrin Kellermann