Lächelnd steht Melitta Schindler in ein farbenfrohes Twinset gekleidet an der Haustür, nimmt den Besuch in Empfang und geht aufrecht vorweg ins Wohnzimmer, wo Porzellanpüppchen liebevoll aufgereiht auf dem Couchrücken sitzen. Ihr Ehemann Klaus hat sich ebenfalls mit weißem Hemd und grauer Krawatte schick gemacht für den besonderen Tag. Und das war auch ein sehr besonderer Tag: In dieser Woche feierten Melitta und Klaus Schindler ihre „Gnadenhochzeit“. Seit 70 Jahren ist das Paar glücklich verheiratet. „Zur Feier des Tages waren wir mittags essen“, erzählen sie Bürgermeister Bernd Hibst, der persönlich die Glückwünsche der Stadt für dieses Ehe-Jubiläum überbrachte.
Das Geheimnis, nach 70 Jahren Ehe immer noch so glücklich zu sein? Nun, gestritten hätten sie nie. „Wir hatten nie Streit, sondern nur Meinungsverschiedenheiten“, sagt die 91-Jährige schmunzelnd. „Und die waren abends immer schnell vergessen“, fügt ihr Ehemann mit einem Augenzwinkern hinzu, bevor er Videos zeigt, in denen das Paar in jüngeren Jahren gekonnt im Paartanz über die Tanzfläche schwebt. Tanzen ist bis heute die große Leidenschaft des Jubelpaares. „Wir waren auch beim Herbstball im Bürgerzentrum und das war so schön“, schwärmen sie.
Beim Tanzen hat es schließlich auch gefunkt. Anfang der 50er Jahre. „Ich war mit ihrem Bruder befreundet“, erzählt Klaus Schindler, der heute 92 Jahre alt ist. „Manfred hatte damals ein altes Motorrad und das wollten wir gemeinsam wieder schick machen.“ Gelungen ist es den jungen Burschen zwar nicht so, wie sie sich gewünscht hatten, aber beim Basteln am Motorrad hatten sie die Idee, zur Tanzschule zu gehen. „Und wir brauchten eine junge Dame, die mit uns tanzt.“ Das war Melitta… Ein Blick, ein Lächeln, ein gemeinsamer Takt – und aus zwei jungen Menschen wurden zwei Herzen, die seitdem im selben Rhythmus schlagen. Seit über 70 Jahren sind sie unzertrennlich.
Als sie sich verliebten, hatten sie nicht viel. Nur den unbändigen Wunsch, etwas Schönes aus ihrem Leben zu machen. Es besser zu haben. Als Kinder mussten beide mit ihren Familien aus Nieder- und Oberschlesien flüchten. „Alles, was die Familie hatte, passte in einen Koffer“, erinnert sich Klaus Schindler an damals. „Wir haben in einem möblierten Zimmer in Oberwinkelhausen gelebt, als wir nach Wermelskirchen kamen.“ Er redet nicht gerne über diese Kindheitserinnerungen. Seine Ehefrau auch nicht. „Es waren harte Zeiten. Aber wir haben gemeinsam nach vorne geguckt.“
Sie lebten zu Beginn ihrer Ehe auf kleinem Fuß, aber mit großen Träumen, die sie sich mit viel Fleiß erfüllten. Klaus Schindler arbeitete unter anderem als Nähmaschinenmechaniker bei Flöring, Ehefrau Melitta am Webstuhl bei einer Bandwirker-Firma. Ihr gemeinsamer Traum: eine kleine Eigentumswohnung. „Wir haben deshalb nie mehr Geld ausgegeben, als wir mussten“, sagt der 92-Jährige. Sicher waren sie auch mal auf Mallorca oder Madeira, „aber uns war wichtiger, dass wir etwas für uns schaffen. Ein eigenes Heim.“ Dafür haben sie jeden Pfennig gespart.
Vor 55 Jahren erfüllte sich das Paar die Sehnsucht nach eigenen vier Wänden. „Da haben wir wirklich gerechnet, ob wir das alles schaffen“, gesteht er. „Aber in Gedanken hatten wir die Wohnung schon eingerichtet, und dann haben wir gesagt: Wir gehen das gemeinsam an.“ Das Mehrfamilienhaus in der Frohntaler Straße war damals gerade fertig gebaut. „Wir sind eingezogen und sind hier bis heute glücklich.“ Schritt für Schritt bauten sich sich ein Leben auf – getragen von Fleiß, Geduld und gegenseitigem Vertrauen. Und von Musik. „Musik ist wichtig im Leben“, sagt Melitta Schindler inbrünstig. „Musik bringt Schwung und Freude ins Leben.“ Eins ihrer Lieblingslieder ist „Schenk mir einen Traum“ von Elfi Graf. Die Textzeilen spiegeln ihr Leben und ihre Liebe wider:
„Da gab es nur uns zwei und unsere kleine Welt.
Wir hatten gar nicht viel, doch uns hat nichts gefehlt.
Schenk mir einen Traum, den ich träumen kann.
Schenk mir einen Traum, der mich glücklich macht.“
Das Lied stammt aus dem Jahr 1992. Doch die Zeilen spiegeln ihre Liebe so sehr wider, dass Klaus Schindler es für seine Melitta gesungen und aufgenommen hat. Ein Lieblings-Liebeslied, das sie an ihrem besonderen Hochzeitstag gemeinsam hören. 70 Jahre nach dem Ja-Wort sitzen sie lächelnd nebeneinander auf der Couch und wissen: „Wir hatten nicht viel, aber wir hatten uns und unsere Träume.“